4. August 2026
Maschinen und Anlagen werden zunehmend dezentral aufgebaut. Das schafft Freiräume im Schaltschrank, erhöht aber zugleich die Komplexität im Feld. Digitale Assistenzsysteme können diese Herausforderung entschärfen, indem sie Engineering-Daten in eine intuitive Installationsführung übersetzen. Ein Praxisbeispiel aus dem Anlagenbau zeigt, wie sich Effizienzpotenziale erschließen lassen. Wer heute eine Route plant, nutzt kaum noch eine faltbare Straßenkarte. Das Ziel ist bekannt, den Weg dorthin übernimmt meist ein Navigationssystem: Es führt Schritt für Schritt, weist einem die Ausfahrten, macht Routen-Abweichungen sichtbar und bringt einen so auf bestem Weg ans Ziel. In der Maschineninstallation gibt es Parallelen. Auch hier ist das Ziel klar: Sensoren und Aktoren müssen an der richtigen Stelle eingebunden, lässig zum passenden Modul geführt und jede Verbindung dem vorgesehenen Port zugeordnet werden. Der Weg dorthin führt je doch durch Schaltpläne, 3D-Modelle, Stücklisten und Beschriftungen. Das funktioniert bisher nicht ohne Vorwissen und einen signifikanten Erfahrungsschatz. Mit uKonn-X ist das anders. Damit überträgt Murrelektronik das Navigationsprinzip auf den Installationsprozess: Mitarbeitende werden direkt an der Maschine visuell durch die Installationsschritte geführt. Beim Filteranlagenhersteller Herding kommt diese Lösung heute zum Einsatz.
HÖHERE KOMPLEXITÄT, NEUE ANFORDERUNGEN IN DER MONTAGE
Herding Filtertechnik entwickelt und produziert industrielle Filter- und Entstaubungsanlagen. Die Anlagen sind meist kundenspezifisch ausgelegt, und Herding sieht sich für ihren gesamten Lebenszyklus verantwortlich – von der Auslegung über Fertigung und Inbetriebnahme bis zur Wartung. Ausgangspunkt der Zusammenarbeit war ein Kundenprojekt, bei dem nicht mehr alle Komponenten sinnvoll im Schaltschrank untergebracht werden konnten. Die Lösung lag nahe: mehr Intelligenz und Anschlusstechnik ins Feld bringen, den Schaltschrank entlasten, Platz und Kosten sparen. Doch mit der Umstellung auf dezentrale Komponenten veränderte sich auch die Montage. Mit arbeitende, die stark aus dem Schaltschrankbau kamen, mussten plötzlich mehr Komponenten direkt an der Maschine installieren. Hier setzte die Zusammenarbeit mit Murrelektronik an – zunächst auf der Hardware-Ebene über vorkonfektionierte Sets, im zweiten Schritt über die digitale Werkerführung mit uKonn-X.
VOM PLAN ZUM DIGITALEN ABBILD
Das System uKonn-X nutzt vorhandene Engineering-Daten, um daraus eine digitale Installationsführung abzuleiten. Grundlage sind Schaltpläne, 3D-Modelle der Maschine sowie Stücklisten. Ein von Murrelektronik entwickelter Algorithmus verknüpft diese Informationen aus Schaltplan und mechanischer Konstruktion. Daraus entsteht eine Art digitaler Zwilling der Installation. In der Praxis arbeitet der Monteur somit nicht mehr primär mit Papierplänen, Listen und Erfahrungswissen. Stattdessen scannt er Bauteile, Kabel oder Kennzeichnungen per Handscanner. uKonn-X erkennt die Komponente und zeigt auf dem Tablet oder Laptop visuell an, wo sie eingebaut oder angeschlossen werden muss. Je der Schritt wird bestätigt, Abweichungen können kommentiert werden und der Fortschritt wird dokumentiert. Der Anwender muss also nicht mehr selbst den Plan öffnen, nach der passenden Stelle suchen und ihn interpretieren, sondern folgt einer intuitiven Visualisierung. Das spart Zeit und vermeidet Fehler. Bei Herding stehen am Anfang dieser neuen Montageart Sets mit konfektionierten und beschrifteten Leitungen, die Murrelektronik dem Anlagenhersteller liefert. Damit entfallen klassische Fehlerquellen wie falsche Leitungslängen, fehlende oder falsche Beschriftungen, verlorene Kennzeichnungen sowie Suchzeiten in der Kommissionierung. Der Monteur hat jeweils exakt die Teile zur Hand, die für die jeweilige Maschine oder Bau gruppe benötigt werden. Durch Scannen des Bauteils erkennt uKonn-X, an welche Position es gehört.
DER HEBEL LIEGT IM GESAMTPROZESS
Die offensichtliche Wirkung von uKonn-X liegt in der Installation. Der Herding-Anwendungsfall zeigt jedoch: Um das Potenzial dort heben zu können, muss man deutlich früher im Maschinenentstehungsprozess angreifen. Damit ein digitaler Lotse zuverlässig arbeiten kann, müssen relevante Daten vorhanden und konsistent sein. Was in vielen Unternehmen über Jahre durch Erfahrungswissen gewährleistet wird, muss dafür explizit in Plänen und Modellen beschrieben werden. Ein Sensor, der „immer“ an einer bestimmten Stelle sitzt, eine Schlauchführung, die „jeder kennt“, oder ein Stecker, der in der Praxis schon richtig gewählt wird – all das muss digital sichtbar werden, wenn es geführt installiert werden soll. Herding hat diesen Schritt bewusst angenommen, die Planungstiefe erhöht, 3D-Modelle verfeinert, die Datendurchgängigkeit stärker in den Fokus gerückt. Inzwischen werden sogar Details wie Steckköpfe, Steckpositionen und Verlegewege modelliert. Das bedeutet zunächst zwar Mehraufwand im Engineering – sorgt aber in der Installation, Inbetriebnahme und Dokumentation signifikant für mehr Effizienz.
WISSENSTRANSFER STATT SPEZIALISTEN- ABHÄNGIGKEIT
Ein weiterer Effekt betrifft die Personalorganisation. Bei Herding waren bestimmte Mitarbeitende lange bestimmten Anlagen oder Baugruppen zugeordnet. Das führte zu Routine, aber auch zu Monotonie und eingeschränkter Flexibilität. Mit uKonn-X kann die Arbeit breiter verteilt werden. Auch Mitarbeitende, die nicht täglich an der Maschine arbeiten, können nach kurzer Einweisung die Installation durchführen. Die finale Abnahme bleibt 02 weiterhin Aufgabe des Fachpersonals, doch der Montageprozess wird robuster. Damit adressiert uKonn-X ein Problem, das Unter nehmen angesichts des Fachkräftemangels und demografischen Wandels beschäftigt: Wie lässt sich Erfahrungswissen so digitalisieren, dass es im Prozess nutzbar wird, ohne die Fachkompetenz der Mitarbeitenden zu entwerten? Im Herding-Projekt zeigte sich, dass die Akzeptanz steigt, wenn das System nicht als Ersatz für Fachwissen verstanden wird, sondern als Entlastung. Neben Installation und Fehlervermeidung ist die Dokumentation ein zentraler Nutzen. Jeder abgeschlossene Schritt wird digital erfasst – so entsteht eine digitale Maschinenakte, die insbesondere für die Abnahme oder spätere Betreuung relevant ist. Weiterer Vorteil und ein entscheidender Punkt im Projekt war die Offenheit des Systems. uKonn-X entfaltet zwar in Kombination mit dezentraler Installationstechnik besondere Wirkung, ist dabei jedoch nicht auf Komponenten von Murrelektronik beschränkt. Es lassen sich Bauteile jeden Herstellers sowie Pneumatikbauteile oder kundenspezifische Anforderungen integrieren. Für Herding war das wichtig, weil Maschineninstallationen nicht aus einem einzigen geschlossenen Lieferantenökosystem bestehen.
VOM PILOT ZUR GESAMTMASCHINE
Gestartet wurde nicht direkt mit der kompletten Maschine, sondern bewusst mit einer kleineren Baugruppe. Murrelektronik und Herding sichteten gemeinsam Daten, prüften Pläne und 3D-Mo delle, identifizierten fehlende Informationen und bereiteten einen ersten Anwendungsfall vor. Anschließend wurde die Baugruppe mit den relevanten Stakeholdern und Anwendern praktisch installiert. So konnten die Mitarbeitenden das System testen, bewusst Fehler provozieren, Rückfragen stellen und die Oberfläche im realen Montagekontext erleben. Nach diesem Praxistest wurde uKonn-X schrittweise erweitert – zunächst auf weitere und größere Baugruppen, später auf die Gesamtmaschine. Heute umfasst eine Filter- oder Entstaubungsanlage bei Herding mehr als 200 Installationsaufgaben, die intuitiv geführt werden. Der Herding-Case ist kein Sonderfall, sondern zeigt typische Herausforderungen vieler Maschinenbauer. Dezentrale Installationstechnik bringt Vorteile, wenn die Prozesse dazu passen. Digitale Assistenzsysteme schaffen Nutzen, wenn Engineering-Daten durchgängig und ausreichend detailliert sind. Und echte Effizienzgewinne entstehen erst, wenn Montage, Inbetriebnahme, Qualitätssicherung, Engineering, Arbeitsvorbereitung und Beschaffung gemeinsam betrachtet werden. Das System uKonn-X ist damit mehr als ein digitales Hilfsmittel. Es macht sichtbar, wo Prozesse nicht durchgängig sind und wo Effizienz fehlt.
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